Als Sattelfläche (engl. saddle surface) wird in der Mathematik / Geometrie gekrümmte Flächen bezeichnet, die in den beiden Hauptrichtungen entgegengesetzt gekrümmt ist, d.h. sie wölben sich in der einen Richtung nach oben und in der anderen nach unten.
Diese Eigenschaft ist der Ursprung der Namensgebung: ein Reitsattel neigt sich senkrecht zur Wirbelsäule des Pferdes nach unten, stellt also die x-Richtung dar, während er in y-Richtung, d.h. parallel zur Wirbelsäule, nach oben hin ausgeformt ist.
Alle auf dieser Seite betrachteten Sattelflächen sind auch wendbare Flächen.

Das bekannteste Beispiel einer Sattelfläche ist ein hyperbolisches Paraboloid (nicht zu verwechseln mit dem Hyperboloid). Es wird beschrieben durch die Gleichung
z = f (x,y ) = x² - y² bzw. z = f (r, Θ) = r² cos (2 Θ).
Der Begriff leitet sich von seinen Schnittkurven ab: Vertikale Schnitte (z.B. mit der x/z- oder y/z-Ebene ergeben Parabeln, während horizontale Schnitte (parallel zur x/y-Ebene) Hyperbeln sind, was zu der typischen Sattelform führt.
Wie im Folgenden gezeigt wird, besitzt diese Sattelfläche einen Sattelpunkt in (0 | 0 | 0) (Ursprung des Koordinatensystems):
Hyperbolisches Paraboloid mit Höhenlinien
x, y ∈ [-m, m], z ∈ [-m, 0], m = 1
f (0, 0) = 0² - 0² = 0 ⇒ (0 | 0| 0) liegt auf der Fläche
Da die Gauß'sche Krümmung im Punkt (0 | 0 | 0) kleiner als Null ist, liegt
dort ein
Sattelpunkt, in dem sich zwei Höhenlinien schneiden [1].
Alle anderen Punkte der Fläche haben einen Gradienten ungleich Null und sind daher gewöhnliche Punkte ohne stationäre Eigenschaften. Da für sie stets K < 0 gilt, sind alle Punkte der Fläche hyperbolische Punkte; die Fläche weist lokal eine sattelartige Struktur auf, d.h. für einen beliebigen Punkt und einer ausreichend kleinen Umgebung ähnelt die Fläche dort einem Sattel.
Eine weitere bekannte Sattelfläche ist der Affensattel. Er lässt sich beschreiben durch die Funktionen
z = f (x,y ) = x³ - 3 x y² bzw. z = f (r, Θ) = r³ cos (3 Θ)
Die anatomische Idee dahinter ist, dass ein Affe (dieser ist dabei der Reiter !) auf einem Sattel nicht nur seine beiden Beine unterbringen muss, sondern auch noch eine Vertiefung für seinen Schwanz benötigt, was letztlich zur Namensgebung führte.
Betrachtet man den Graphen der Funktion und dort den Punkt (0 | 0 | 0), so könnte man meinen, dass dort wie auch beim Hyperbolischen Paraboloid ein stationärer Punkt vorliegt. Dies soll im Folgenden untersucht werden:

f (0, 0) = 0² - 0² = 0 ⇒ (0 | 0| 0) liegt auf
der
Fläche und ist ein
stationärer Punkt!
Tatsächlich ist dieser Punkt der einzige
stationäre Punkt und einzige Lösung des
Gleichungssystems [ fx =0, fy = 0 ].
Affensattel mit Höhenlinien
Im Punkt (0 |0 | 0) ist K = 0, somit liegt hier ein stationärer Punkt vor, an dem die Funktion weder ein
lokales Maximum noch Minimum aufweist, sondern eine Art flache Ebene bildet: es handelt sich um
einen Flachpunkt / Terrassenpunkt [1].
Alle anderen Punkte des Affensattels sind hyperbolische Punkte, da stets K < 0 gilt und somit in einer ausreichend kleinen Umgebung eines jeden Punktes die Fläche einem Sattel ähnelt.
Betrachtet man die bisher betrachteten Sattelflächen in Zylinderkoordinaten, so sind die ersten beiden (Hyperbolisches Paraboloid mit n = 2, Affensattel mit n = 3) Mitglieder einer Familie von Sattelflächen:
fn (r, Θ) = rn cos (n∙Θ).
Jede dieser Flächen für n > 3 hat bezüglich der Eigenschaften der Flächenpunkte die gleichen wie der Affensattel. Für den Nachweis wird die Gauß'sche Krümmung für Funktionen in Zylinderkoordinaten benötigt. Sie ergibt sich nach längerer, aufwendiger Rechnung:
schließlich zu
Für jede Fläche mit n > 3 gilt daher:
Folgt man der Idee, die Sattelfläche nach anatomischen Gesichtspunkten bezüglich des Reiters zu bezeichnen, so liegt es nahe, die Sattelfläche mit n
= 5 als "Seestern-Sattel" (engl. starfish saddle) und mit
n = 8 als "Oktopus-Sattel" zu bezeichnen [3].
Seestern-Sattel
Oktopus-Sattel
Im Folgenden soll die Steigung (engl. slope) der Sattelfläche fn (r, Θ) = rn cos(n∙Θ) bestimmt werden. Diese ist der Betrag des Gradienten von fn.
Da die Einheitsvektoren orthogonal sind, gilt √[cos²(nΘ)+(-sin(nΘ))²] = 1.
Somit gilt für die Steigung: | ∇ f | = n r n-1.
Der Betrag der Steigung hängt also einzig und allein vom Abstand r zum Ursprung des Koordinatensystems ab. Dort haben die Sattelflächen einen Sattelpunkt mit | ∇ f | = 0.
Beim linken Bild in der folgenden Galerie habe ich für die Sattelfläche mit n = 2 (Hyperbolisches Paraboloid) das Gradientenfeld berechnet. Die Einfärbung in der Grafik gibt den Funktionswert (Höhe z) wieder. Die Vektoren fließen von den Tälern (y-Richtung) weg und hin zu den Bergen (x-Richtung). Da | ∇ f | = 2 r ist, wächst die Länge der Pfeile linear mit dem Abstand zum Zentrum (Ursprung).
Das rechte Bild zeigt das Gradientenfeld für den Affensattel, das eine dreizählige Symmetrie aufweist mit Vektoren, deren Länge im Quadrat zum Abstand vom Ursprung ansteigt (| ∇ f | = 3 r² ).
Die in Zylinderkoordinaten vorliegende Gleichung zur Erzeugung der zuvor betrachteten Sattelflächen
fn (r, Θ) = rn cos (n∙Θ)
soll im Folgenden in kartesische Koordinaten umgeformt werden. Effizienterweise erfolgt dies über die Eulersche Formel und komplexe Zahlen.
z = x + i y = r (cos (Θ) + i sin(Θ))
zn = rn (cos (n Θ) + i sin(n Θ)) (Satz von De Moivre)
rn (cos (n Θ) = Re {(x + i y)n}
Da nur der Realteil gesucht wird, kommen hier nur die Terme in Frage, bei denen die Potenz von i gerade ist (denn i0 =1, i2 = -1, i4 = 1,…):
Für n = 2,..., 8 ergeben sich somit die folgenden erzeugenden Funktionen fn in kartesischen Koordinaten:
Hätte man in der obigen Umformung den Imaginärteil von zn gewählt, so ergäben sich die erzeugenden Polynome gn in kartesischen Koordinaten (s. obige Tabelle), deren Flächen den von fn erzeugten Flächen entsprechen, jedoch um 90° gedreht sind.
Ändert man die ursprünglichen Sattelfunktion in
f (r, Θ) = a r (cos(n Θ) – b) mit a = 0.5, b = 1.5, n ≥ 2, r > 0,
so werden aus den Sattelflächen eine Art nach unten geöffneter "gewellter Kegel" oder auch "gewellter Trichter", "gewellter Rock" (wavy skirt in [3]), wie dies in der folgenden Galerie für n = 2, 3, 5, 8 gezeigt wird. Hierbei gilt für den Kasten x, y ∈ [-m, m], z ∈ [-m, 0], m = 1.25.
f (r,Θ) = 0.5 r (cos(2 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r (cos(3 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r (cos(5 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r (cos(8 Θ)–1.5)
Im Vergleich zu einem Sattelpunkt
höherer Ordnung weist diese Fläche eine lineare r-Abhängigkeit auf. Der Ursprung ist nun ein Gipfel und kein Sattelpunkt mehr. Die Rücken der Wellen treten dort auf,
wo
cos(n Θ) = 1 bzw. Θk = 2k (π/n), k ∈ {0, …, n-1) gilt; analog treten die Talsohlen dort auf, wo cos(n
Θ) = –1 bzw. Θk = (2k + 1)(π/n) gilt. Die Höhe als Funktion von r ist dann gegeben durch
zR (r) = a (1 - b) r auf einem Wellenergrücken und zT (r) = –a (1 + b) r in einer Talsohle. Unter der Annahme a, b > 0 sind die Längsprofile sowohl für Wellenrücken als
auch für Wellentalsohlen abnehmende, lineare Funktionen von r.
Die Steigung der Funktion lässt sich durch den Gradienten in Polarkoordinaten beschreiben, der zeigt, wie sich die Funktionswerte in radialer (r) und azimutaler (Θ) Richtung ändern:
Im Ursprung ist die Funktion für n ≥ 2 im Sinne der klassischen Analysis nicht differenzierbar, da die Steigung (der Gradient) vom Winkel Θ abhängt. Es gibt dort keine eindeutige Tangentialebene, die Steigungen sind aus allen Richtungen negativ und laufen im Ursprung zusammen. Es entsteht eine kegelförmige Spitze (Apex), die das absolute Maximum der Funktion bildet.
Die folgende Galerie zeigt die Kontur-Diagramme der Flächen für n = 2, 3, 5, 8 und m = 1.25. Die Skala links in einer Grafik zeigt die entsprechend eingefärbten Funktionswerte z.
Die folgende Tabelle enthält die Funktionen in kartesischen Koordinaten.
| n | fn (x, y) |
| 2 | (x^2-y^2)/(2*√(x^2+y^2))-3/4*√(x^2+y^2) |
| 3 |
(2x^3-3/2*x*(x^2+y^2))/(x^2+y^2)-3/4*√(x^2+y^2) |
| 5 | (x^5-10x^3y^2+5x*y^4)/(2(x^2+y^2)^2)-3/4*√(x^2+y^2) |
| 8 | (x^8-28x^6y^2+70x^4y^4-28x^2y^6+y^8)/(2(x^2+y^2)^3.5)-3/4*√(x^2+y^2) |
Mit der Änderung der ursprünglichen Sattelfunktion in
f (r, Θ) = a rn (cos(n Θ) – b) mit a = 0.5, b = 1.5, n ≥ 2, r > 0
werden aus den Sattelflächen eine Art "Tafelberge", wie die folgenden Beispiele für n = 2, 3, 5, 8 zeigen. Für die Bereiche in den folgenden Grafiken gilt x, y ∈ [-m, m], z ∈ [-m, 0], m = 1.25.
f (r,Θ) = 0.5 r2 (cos(2 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r3 (cos(3 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r5 (cos(5 Θ)–1.5)
f (r,Θ) = 0.5 r8 (cos(8 Θ)–1.5)
Die folgende Tabelle enthält die Funktionen in zylindrischen und kartesischen Koordinaten.
| n | fn (r, Θ) | fn (x, y) |
| 2 | 0.5 r² (cos (2 Θ) - 1.5) |
-¼ x² - 1.25y² |
| 3 | 0.5 r³ (cos (3 Θ) - 1.5) |
½ x³ - 1.5xy² - ¾ (x²+y²)3/2 |
| 5 | 0.5 r5 (cos (5 Θ) - 1.5) |
½ (x5 - 10x³y² + 5xy4) - ¾ (x²+y²)5/2 |
| 8 | 0.5 r8 (cos (8 Θ) - 1.5) |
½ (x8 - 28x6y² + 70x4y4 - 28x²y6 + y8) - ¾ (x²+y²)4 |
Die Art des besonderen Punktes (0 | 0 | 0) (Ursprung) – dieser war bei den Sattelflächen ein Sattelpunkt – soll nun untersucht werden:
Für n = 2 ergibt sich folgende weitere Untersuchung:
Für n > 2 ergibt sich:
Zusammenfassend gelten für den Punkt (0 | 0 | 0) folgende Aussagen:
| Eigenschaft | n = 2 | n > 2 |
| Art des Punktes | isoliertes, lokales Maximum | flaches, lokales Maximum |
| Hesse-Matrix | negativ definit (Eigenwerte < 0) | semidefinit/Nullmatrix (Eigenwerte = 0) |
| Krümmung | stark ausgeprägt | verschwindet im Ursprung |
Die nachfolgende Galerie zeigt die Kontur-Diagramme der Flächen für n = 2, 3, 5, 8 und m = 1.25.
Die Skala links in einer Grafik zeigt die entsprechend eingefärbten Funktionswerte z.
Quellenverweise
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptkr%C3%BCmmung
[2] https://mathcurve.com/surfaces.gb/selle/selle.shtml
[3] S. D. Peckham (2011) Monkey, Starfish and Octopus Saddles,
http://www.geomorphometry.org/uploads/pdf/pdf2011/Peckham2011bgeomorphometry.pdf