Als Spiralen im engeren Sinn bezeichnet man in der Mathematik ebene Kurven, die aus unendlichen vielen Windungen um einen festen Punkt bestehen und aus höchstens zwei Ästen mit streng monotonem Zusammenhang zwischen Drehwinkel und Radius zusammen-gesetzt sind.
Sie kommen in der Natur, der Technik, Architektur und Kunst praktisch eines jeden Kulturkreises und jeder Epoche vor [1].
Auf dieser Seite liegt der Focus auf räumlichen Spiralen. Neben einigen Beispielen aus Natur / Technik werden für jeden betrachteten Spiraltyp die folgenden fünf Spiral-Objekte dargestellt:
Die Funktion f (t) mit f : Df → ℝ, Df
⊆ ℝ ist die
Grundfunktion für den jeweiligen Spiraltyp; gleichzeitig dient sie als Randfunktion f (z) des zugehörigen Rotationskörpers, der alternativ auch mit
der Gleichung
x² + y² = [ f(z) ]² erzeugt werden kann.
In 3D Spiralen - 2 wird die Helix (Schraubenlinie) zunächst in ihrer zylindrischen Grundform betrachtet. Daran schließen sich Projektionen einer Helix auf nicht-zylindrische Grundkörper an.
Die Basis für die konische Spirale ist die Archimedische Spirale [2] (s. Beispiele rechts). Bei ihr wächst entsprechend dem Proportio-nalitätsfaktor a der Radius ρ proportional mit dem Polarwinkel θ an, so dass der Abstand zwischen aufeinanderfolgenden Windungen konstant bleibt.
Grundfunktion: f (t) = b + a / c ∙ t
Parameter: a, b, c, r, u, θ ∈ ℝ \ {0}
Bereiche bei Grafiken: b = 0, a, c, r, u > 0
Bei der Galileo-Spirale [3] wächst der Radius ρ quadratisch mit dem Polarwinkel θ an. Sie ähnelt einer Logarithmischen Spirale, jedoch wächst bei letzterer der Radius exponentiell (s. u.).
Ein Beispiel aus der Natur ist der eingerollte Schwanz eines Chamäleons.
Grundfunktion: f (t) = a ∙ (t / c)²
Parameter: a, r, u, θ ∈ ℝ , c ∈ ℝ \ {0}
Bereiche bei Grafiken: a, c, r, u, θ > 0
Die Paraboloide Spirale entsteht aus der Fermat-Spirale [4]. Bei dieser nimmt der Windungsabstand mit wachsender Entfernung zum Pol ab. Charakteristisch ist auch die stark gekrümmte erste Windung.
Grundfunktion: f (t) = a ∙ √ (t / c)
Parameter: a, r, u, θ ∈ ℝ , c ∈ ℝ \ {0}
Bereiche bei Grafiken: a, c, r, u, θ > 0
Bei der hyperbolischen Spirale [5] hängen ρ und θ umgekehrt proportional zusammen. Sie umrundet ihren Pol in unzähligen, immer enger werdenden Windungen, erreicht ihn jedoch nie.
Eine scheinbar "hyperbolische Spirale" entsteht als optische Täuschung, wenn man senkrecht von oben durch die Mitte einer Wendeltreppe blickt. Diese bildet im dreidimensionalen Raum eine Helix, das Auge erzeugt in der Zentralprojektion jedoch eine zweidimensionale hyperbolische Spirale.
Grundfunktion: f (t) = a ∙ c / t
Parameter: a, c, r ∈ ℝ, u, θ ∈ ℝ \ {0}
Bereiche bei Grafiken: a, c, r, u, θ > 0

Die Lituus-Spirale (s. Grafik rechts) verdankt ihren Namen der Ähnlichkeit mit einem Bischofsstab [6]. Bei ihr ist der Winkel θ umgekehrt proportional zum Quadrat des Radius ρ. Auch sie umrundet ihren Pol, ohne ihn jemals zu erreichen, während ihr äußerer Ast sich asymptotisch der x-Achse nähert.
Grundfunktion: f (t) = a ∙ √ (c / t)
Parameter: r, c ∈ ℝ, u, θ ∈ ℝ \ {0}
Bereich bei Grafiken: a, c, r, u, θ > 0
Die logarithmische Spirale [7] unterscheidet sich deutlich von den bisher aufgeführten Spiralen. Ihr Radius ρ wächst exponentiell mit dem Polarwinkel θ bzw. der Polarwinkel hängt logarithmisch vom Radius ab. Auch ihr Pol ist ein asymptotischer Punkt.
Mit der 3D Logarithmischen Spirale können z.B. Schnecken oder Meeresschnecken modelliert werden.
Grundfunktion: f (t) = a ∙ eb/c ∙ t
Parameter: a, r, u, θ ∈ ℝ , c ∈ ℝ \ {0}
Bereich bei Grafiken: a, c, r, u, θ > 0
Eine weitere 3D Spirale ist die Kugelspirale. Diese windet sich entlang der Oberfläche einer Kugel, die sich z.B. aus der impliziten Gleichung x² + y² + z² = r² ergibt, wobei r der Radius der Kugel ist. Für die Kugelspirale gilt mit u ϵ [-r, r] :
Die Projektion einer Kugelspirale in die x/y-Ebene erzeugt eine Clelia-Kurve [8]. In den folgenden Galerien sind für einige Werte von c die entstehende Kugelspiralen (gelb) und die korrespondierende Cliela-Kurven (grün) dargestellt.
Die folgende Animation zeigt die entstehenden Clelia-Kurven, wenn c die Werte von 1 bis 0.05 durchläuft.
Hier sei noch angemerkt, dass man die Kugelspirale nicht mit der Loxodrome verwechseln darf. Diese letztere Spirale zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Meridiane der Kugel stets im gleichen Winkel schneidet (s. dazu auch Loxodrome). Zum Vergleich sind in den folgenden beiden Grafiken beide Spiralarten dargestellt.
Abschließend sind für c = 1, ½ und ¼ die korrespondierenden sphärischen Helicoide dargestellt.
Die "klassische" (2D) Fibonacci-Spirale besteht aus aneinander gesetzten Halbkreisen mit wachsenden Radien, wobei der Radius des n-ten Halbkreises dem n-ten Element der
Fibonacci-Folge
(ℱn) = (0, 1, 1, 2, 3, 5,8, ...) mit n ∈
ℕ0 entspricht
(s. Quasi-Spiralen). Bei jeder Vierteldrehung weitet sich die Spirale um den Faktor
Φ (Goldene Zahl). Im Folgenden wird nun eine Kurve konstruiert, die die diskrete Fibonacci-Folge über die Moivre-Binet-Formel als kontinuierliche Spirale in den
dreidimensionalen Raum fortsetzt (daher könnte man die Kurve auch kontinuierliche 3D Moivre-Binet-Spirale nennen.)
Ausgehend von der Moivre-Binet-Formel
und ihrer algebraischen Fortsetzung in die reellen Zahlen f (x) , wird diese zunächst mittels der Eulerschen Formel umgeformt in (s. dazu Komplexe Fibonacci-Folgen):
Real- und Imaginärteil werden zu einer parametrischen Funktion 𝒮 (u) – der 3D Fibonacci-Spirale – ergänzt:
Bei 𝒮 handelt es sich um eine 3D-Spirale, die sich um
eine exponentiell ansteigende "Achse"
𝒜 (u)
= (u, Φu/√5, 0)T windet. Hierbei ist der Parameter u entlang der Hauptachse (x-Achse) für das Rotieren und
Schrumpfen der Spirale verantwortlich.
Quelle: rabbifolger.net
Man kann diese Kurve als eine Kreisbewegung um einen wandernden Mittelpunkt l M(u) = (u, Φu/√5, 0)T interpretieren. Der erste Term Φu/√5 in der y-Komponente verschiebt den Mittelpunkt der Kreise/Windungen mit zunehmendem u entlang der x-Achse immer weiter in Richtung positiver y-Achse3.
Der zweite Term beschreibt zusammen mit der z-Komponente einen Kreis l mit dem Radius r(u) = Φ-u/√5. Während sich die Spirale um die Achse windet, schrumpft also ihr Radius mit r bei jedem Schritt um den Faktor Φ, während gleichzeitig ihr Mittelpunkt M im exakt gleichen Verhältnis in Richtung der positiven y-Achse wandert.
Zur Erzeugung der Kontinuierlichen 3D Fibonacci-Spirale
Für ganzzahlige u schneidet 𝒮 (u) die x/y-Ebene derart, dass die y-Komponente der Schnittpunkte die jeweilige Fibonacci-Zahl ℱn ist (s. folgende linke Abbildung). Für u∈ℝ und z = 0 entsteht in der x/y-Ebene eine Funktion, die A. Stakhov in [3] als QSFF (Quasi-Sinus-Fibonacci-Funktion, Gleichung 5.93 auf S. 287) definiert, und durch all die zuvor erläuterten Punkte verläuft (s. folgende Abbildungen).
Das Bildungsgesetz der Fibonacci-Zahlen mit ℱn+2 = ℱn+1 + ℱn gilt übertragen auch für die kontinuierliche 3D Fibonacci-Spirale: 𝒮 (x+2) = 𝒮 (x+1) + 𝒮 (x).
Der Beweis basiert auf der, auf die reellen Zahlen erweiterte, Moivre-Binet-Formel (s. Komplexe Fibonacci-Folgen):
Die konstruierte 3D Fibonacci-Spirale 𝒮 ist, wie die bisher auf dieser Seite betrachteten Spiralen, ein eindimensionaler Faden. Um die Einhüllende Ɛ (x) dieser Spirale (quasi die "Haut", entspricht dem Rotationskörper bei den Spiralen weiter oben auf der Seite) zu konstruieren, muss der Raum beschrieben werden, den diese Geometrie maximal aufspannt.
Mit v = 0 bzw. v = π erhält man den extremen oberen Rand r̄ (u), den extremen unteren Rand r (u) der trichterförmigen Einhüllenden Ɛ sowie ihren Durchmesser in der x/y-Ebene:
Da sich die Spirale um den Mittelpunkt M (u) mit dem Radius r (u) dreht, erhält man eine glatte Außenhaut, indem man einen neuen, unabhängigen Winkel-Parameter v einführt, der mit v ∈ [0, 2π] die "Lücken" zwischen den Windungen auffüllt und somit eine geschlossene 2D-Fläche im 3D-Raum erzeugt:
Für u→∞ geht Φ-u und somit der Durchmesser d(u) gegen Null. Ɛ kollabiert dann zu einer unendlich dünnen Nadel, die sich der exponentiellen "Achse" 𝒜 (u) = (u, Φu/√5, 0)T in der Ebene asymptotisch nähert. Für negative u kehrt sich das Ganze um: Φu wird winzig, Φ-u hingegen riesig, und es entsteht im negativen Bereich eine gigantische Trompete:
Einhüllende Ɛ der kontinuierlichen 3D Fibonacci-Spirale
Das trichterförmige Objekt Ɛ nennt der A. Stakhov in [3] Schofar - ein aus dem Horn eines Widders hergestelltes traditionelles jüdisches Blasinstrument. Die Form eines Jagdhorns trifft es wohl besser, wenngleich der Begriff "Jagdhorn" kein universeller, sprachenunabhängiger Eigenname ist...
Quellenverweise
[1] J. Heitzer (2002) Mathe-Welt "Spiralen", mathematik lehren, 111, S. 23-46,
http://dx.doi.org/10.17877/DE290R-13633
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Archimedische_Spirale
[3] https://mathcurve.com/courbes2d.gb/galilee/galilee.shtml
[4] https://mathworld.wolfram.com/FermatsSpiral.html
[5] https://mathcurve.com/courbes2d/hyperbolic/hyperbolic.shtml
[6] https://mathworld.wolfram.com/Lituus.html
[7] https://mathworld.wolfram.com/LogarithmicSpiral.html
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Clelia-Kurve
[9] A. Stakhov (2009) The Mathematics of Harmony, World Scientific Publishing Co., Inc.,
United States,
ISBN: 978-981-277-582-5 (748 Seiten)